Die meisten Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit dem Polyoma-Virus, ohne dass es je zur Erkrankung kommt, da das Virus im Normalfall vom Immunsystem in Schach gehalten wird. Erst durch eine Schwächung des Abwehrsystems, z.B. durch eine immunsuppressive Therapie, kann es bei Transplantierten in Form einer Nierenerkrankung oder einer Blasenentzündung zum Ausbruch kommen.
Die Polyomavirus hominis Typ 1-Infektion gehört zu den häufigen Infektionen im Kindesalter. Etwa 70% der Bevölkerung hatten im Laufe ihres Lebens Kontakt mit diesem Virus und tragen Spuren einer abgelaufenen und ausgeheilten Infektion im Blut (serologische Narbe) [1]. Allerdings bleibt die Infektion oft asymptomatisch und wird daher nicht bemerkt. Unter den Bedingungen der Immunsuppression nach einer Nierentransplantation kann eine Infektion mit Polyomavirus erneut "aufflackern" (Reaktivierung mit Virusvermehrung im Blut). Die Krankheit kann typischerweise in zwei Formen für einen transplantierten Patienten symptomatisch werden: als BK-Virus Nephropathie (Polyoma-Virus assoziierte Nierenerkrankung) und als hämorrhagische Cystitis (eine Sonderform der Blasenentzündung).
Das klinische Bild und das Ausmaß der Infektion mit Polyomavirus kann bei einem transplantierten Patienten verschiedenartig sein:
Eine Abgrenzung ist manchmal schwierig und erfordert eine aufwendige Diagnostik mit Blut, Urin und feingeweblicher Untersuchung.
Bei ersten Anzeichen einer Polyoma-Virus-Infektion kann durch Blut- und Urinuntersuchungen sowie durch eine Transplantatbiopsie geklärt werden, ob eine Erstinfektion vorliegt, ob das Virus sich bereits vermehrt hat und ob es begonnen hat, die Zellen des Transplantats zu zerstören.
Aufgrund der Schwierigkeit, zwischen einer asymptomatischen Trägerschaft des Virus und einer replikativen und/oder einer organzerstörenden Form der BKV-Erkrankung zu unterscheiden, sind bei einem klinischen Verdacht eine Reihe von Tests notwendig. Grundsätzlich kann das Virus in verschiedenen Organen nachgewiesen werden. Als Methode eignen sich die nachfolgenden Untersuchungen:
Durch die Bestimmung der Antikörper gegen das Virus kann der frühere Kontakt mit dem Virus bestätigt werden. Neu aufgetretene Antikörper (negativer Befund vor der Transplantation mit einer Entwicklung von Antikörpern nach der Transplantation) können bei der Diagnosestellung helfen.
Beweisend für eine BKV-Erkrankung in der Transplantatniere ist der Nachweis der BKV-Vermehrung in der Transplantatbiopsie sowie die Zeichen der Zellzerstörung: Tubuluszellen in der Niere zeigen vergrößerte Kerne mit amorphen, basophilen viralen Einschlusskörperchen.
Größter Risikofaktor für eine Polyoma-Virus-Infektion ist eine besonders starke immunsuppressive Therapie, oft bestehend aus bis zu drei verschiedenen Medikamenten.
Beim nierentransplantierten Patienten gehört die intensive Immunsuppression unbestritten zu den Risikofaktoren für eine BK-Virus-Erkrankung [2]. Nahezu alle klinischen Fälle, die in der Literatur beschrieben sind, haben sich unter einer intensiven Immunsuppression (Triple-Therapie: Kombination aus 3 verschiedenen Klassen von Immunsuppressiva) ereignet. Das Risiko einer erhöhten BKV-Replikation ist mit einer Kombinationstherapie aus Tacrolimus und MMF assoziiert [3], wenngleich auch andere Immunsuppressiva zu einer Vermehrung des Virus beitragen können [4]. BK-Virus negative Patienten vor einer Transplantation haben ein erhöhtes Risiko für eine BK-Virus-Replikation oder eine BK-Nephropathie. Dies gilt besonders für transplantierte Kinder.
Eine Cytomegalievirus-Infektion kann möglicherweise direkt oder auch indirekt zu einer BK-Virus-Replikation beitragen [5]. Auch eine Abstoßung mit einer Intensivierung der Immunsuppression (z.B. Hochdosis-Steroidtherapie zur Abstoßungsbehandlung) können zu einem erhöhten Risiko beitragen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zeigen keine einheitlichen Befunde [2] .
Die Behandlung zielt zum einen auf eine medikamentöse Bekämpfung der Viren ab, zum anderen wird die Dosis der Immunsuppressiva gerade so weit herabgesetzt, dass keine Abstoßungsgefahr besteht.
Die Behandlung der BK-Erkrankung beim transplantierten Patienten ist schwierig. Drei Ziele stehen im Vordergrund:
Zur Behandlung kann eine antivirale Therapie erwogen werden (Cidofovir, Leflunomid u.a.). Wichtig ist die Kontrolle anderer nierenschädigender Einflussfaktoren, um die Transplantatfunktion langfristig zu erhalten.
[1] Hirsch, H.H., Clin Infect Dis 2005;41:354-360.
[2] Hirsch H.H., Transplantation 2005; 79:1277-86.
[3] Hodur D.M., N Engl J Med 2002;347:2079-80.
[4] Hirsch H.H., Am J Transpant 2002; 2:25-30.
[5] Barri Y.M., Clin Transplant 2001;15:240-6.
Zur Übersicht von Polyoma-Virus Infektionen:
[6] Hariharan, S. Kidney Int 2006 Jan 4; [Epub ahead of print].